Mit Timo Perthel hat der 1. FC Magdeburg einen erfahrenen Allrounder für die linke Seite verpflichtet.

Von Manuel Holscher ›

Magdeburg l Timo Perthel atmet tief durch. Sein Nacken ist nass, von seinem Kinn tropft Schweiß. Der Winter-Neuzugang hustet, putzt sich die Nase. FCM-Physiotherapeutin Mandy Rosenschon fragt besorgt: „Ist alles in Ordnung?“ Perthel antwortet kurz und mit einer Gegenfrage: „Sehe ich so aus, als ob etwas nicht in Ordnung wäre?“ Er verweist auf eine Erkältung, die ihm beim Sprint- und Laktattest am Dienstag zu schaffen macht.

Eine weitere Einschränkung ist momentan der Gips an seinem rechten Arm. Dieser wurde notwendig, nachdem er sich im Rahmen des Trainingslagers im Test gegen den chinesischen Verein FC Shenzhen die Mittelhand brach. Doch von einem Handicap will Perthel nichts wissen. Nur einen Tag nach dem Bruch trainierte er wieder. Die Sprints und den Laktattest absolvierte er ebenfalls trotz des Gipses.

Perthel spielte für mehrere Vereine

Er versucht alles zu tun, damit ihn diese Verletzung nicht beeinträchtigt. Am Dienstag hatte Perthel einen Termin in Berlin wegen der Anpassung eines Kunststoffgipses. Mit dieser Spezialanfertigung dürfte er in der 2. Bundesliga auf dem Rasen stehen. Der 29-Jährige scherzt: „Ich muss dem Schiedsrichter vor der Partie nur zeigen, dass im Gips keine Waffen versteckt sind.“ An Perthels Umgang mit der Verletzung ist gut zu sehen, wie der Neuzugang tickt: Er jammert nicht, will immer auf den Platz.

Es gibt aber auch eine andere Seite: Auf den ersten Blick könnte nämlich der Eindruck entstehen, dass Perthel ein Wandervogel ist. Von 2011 bis 2014 war er viel unterwegs, spielte je eine Saison bei Hansa Rostock, MSV Duisburg und Eintracht Braunschweig. Perthel hat dafür eine Erklärung: „Das war eigentlich nicht mein Plan. Ich hatte immer langfristige Verträge.“ Es kam aber anders, er musste sich häufig auf neue Situationen einstellen.

„In Rostock sind wir sportlich abgestiegen. In Duisburg kam mir der Lizenzentzug in die Quere. Ich erfuhr im Urlaub, dass der MSV keine Zweitligalizenz bekam“, erinnert sich Perthel. Wegen guter Leistungen stieg er dann aber persönlich sogar auf, wechselte 2013 zum damaligen Erstligisten Eintracht Braunschweig. „Ich wurde als Backup geholt. Am Ende der Saison habe ich aber gemerkt, dass ich dem Verein in dieser Rolle nicht helfen konnte“, sagt er.

Verletzung warf Perthel zurück

In Bochum fand er zumindest mittelfristig sein Glück. Perthel blieb von 2014 bis Anfang 2019. „Ich habe es genossen, mal ein paar Jahre bei einem Verein zu bleiben“, gibt er zu. Wegen eines Knochenödems verpasste er allerdings fast die gesamte vergangene Saison. Er kämpfte sich zwar zurück, in dieser Spielzeit setzte Bochums Trainer Robin Dutt auf der linken Seite aber vorwiegend auf Danilo Soares. Die Zweifel wuchsen, es war Zeit für einen Tapetenwechsel.

Mit dem Transfer zum FCM schlägt Perthel jetzt ein neues Kapitel in seiner Karriere auf. Er unterschrieb einen Vertrag bis Sommer 2020 – gültig für die 2. und 3. Liga. „Wir haben ein klares Ziel. Wir wollen den Klassenerhalt schaffen“, sagt der Allrounder. Zweifel haben in seinen Gedanken keinen Platz. Mit seinem Team will er sich durchbeißen.

Perthel würde am liebsten lange in Magdeburg bleiben. „Ich will nicht gleich wieder meine Koffer packen.“ Die Stadt hat er sich gemeinsam mit seiner Frau angeschaut. „Wir haben einige Ecken erkundet. Magdeburg gefällt uns“, sagt der Tattoo-Liebhaber. Auch die überschaubare Entfernung zu seinen Eltern, die in Syke bei Bremen wohnen, kommt ihm entgegen. In Syke verbrachte er auch seine sportliche Jugend. Zunächst spielte er bei TuS Syke, später dann bei Werder Bremen. Beim Bundesligisten unterschrieb er sogar einen Profivertrag, kam aber vorwiegend in der zweiten Mannschaft in der 3. Liga zum Einsatz. Am Ende hatte er deshalb auch nur ein Bundesligaspiel auf dem Konto – am 3. Mai 2009 beim 0:1 beim 1. FC Köln.

Perthel ist ein „Straßenfußballer“

Eine prägende Erfahrung war für Perthel die Leihe von Bremen nach Österreich zu Sturm Graz in der Saison 2010/11. „Dieses Jahr hat mir sehr viel gebracht. Wir wurden Meister in Österreich. Aber auch für mich persönlich war dieser Schritt wichtig“, betont er. Zum ersten Mal war er weit weg von zu Hause. „Wegen der Entfernung war klar, dass ich mich in Graz alleine zurechtfinden muss. Ich war aus meinem gewohnten Umfeld herausgerissen“, erzählt er. Und: „Vielleicht habe ich dort gelernt, offen auf die Menschen zuzugehen. Weil ich es einfach musste.“

Das Jahr in Österreich, diese Fähigkeit, sich immer wieder durchzubeißen, soll ihm auch in Magdeburg zugutekommen. FCM-Trainer Michael Oenning erhofft sich von Perthel neben Führungsqualitäten auf dem Platz vor allem Flanken und gute Standards. „Timo ist ein Straßenfußballer. Er ist erfahren und wird uns weiterhelfen“, versichert Oenning.

Von Vorschusslorbeeren will Perthel allerdings nichts wissen, er will durch Taten überzeugen. Die Partien gegen die direkten Konkurrenten am 29. Januar gegen Aue und am 1. Februar in Ingolstadt geht er selbstbewusst an. Perthel: „Ich sehe für uns nur große Chancen und kein Risiko. Wir haben die Riesenchance, zu zeigen, dass wir Fußball spielen können und in der 2. Liga sofort da sind.“

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