Piotr Cwielong vom FCM

Der Anfang in Magdeburg war schwer, doch jetzt startet Piotr Cwielong beim FCM richtig durch. Der polnische Profi spricht über ein Spiel mit Weltstars, den Rückhalt seiner Familie und den Aufstiegskampf.

Als er auf der Tribüne der MDCC-Arena sein Handy zückt, scheint Piotr Cwielong die Mittagssonne direkt ins Gesicht. Die Szenerie passt perfekt, denn es sind gerade sonnige Zeiten für den polnischen Fußballprofi des 1. FC Magdeburg. Nach Anfangsschwierigkeiten startet er in der entscheidenden Saisonphase durch. Beim 1:1 gegen den Halleschen FC gelang ihm am vergangenen Sonnabend sein erstes Tor für den 1. FC Magdeburg.
Nach dem anschließenden Jubel gefragt, erklärt der 31-Jährige: „Ich hatte unserem Teambetreuer vorher versprochen, dass ich mit ihm jubele, wenn ich ein Tor schieße.“ Also rannte Cwielong nach dem 1:1 zu Heiko Horner an die Seitenlinie und herzte die gute Seele des Klubs. „Eigentlich mache ich nach jedem Tor einen Salto“, sagt Cwielong und zeigt auf seinem Handy prompt ein YouTube-Video als Beweis. In Polen jubelte er so und später auch beim VfL Bochum. „Das ist diesmal in der Emotion aber untergegangen.“ Doch er will ihn zeigen einen Salto, am liebsten schon am kommenden Sonnabend im Heimspiel gegen den FSV Frankfurt.

Besondere Anekdote über Kult-Coach Peter Neururer

Das Mittwochstraining mit der Mannschaft musste Piotr Cwielong sausen lassen. Der Oberschenkel machte Probleme. „Nichts Ernstes“, versichert der polnische Profi jedoch, „für das Spiel am Samstag bin ich fit.“ Gut für den FCM. Offensivkräfte wie Florian Kath und Manuel Farrona Pulido fallen bereits seit Wochen verletzt aus. Zeitpunkt der Rückkehr ungewiss. Also setzt Trainer Jens Härtel auf Piotr Cwielong. Die vergangenen drei Begegnungen bestritt er allesamt von Anfang an. Das Heimspiel vor anderthalb Wochen gegen Sonnenhof Großaspach war sein Durchbruch. Er überzeugte mit toller Ballbehandlung und feinen Pässen – nur das eigene Tor fehlte noch. Wobei Cwielong sagt: „Solange du gut spielst und dein Team gewinnt, ist es nicht wichtig, wer die Tore schießt.“

Zehn Partien verbrachte er seit seinem Winter-Wechsel zum FCM auf der Tribüne oder der Bank. Was im Grunde gar nicht ungewöhnlich war. Das auf Balleroberung ausgelegte System von Trainer Härtel zu verinnerlichen, dauert. Das ging schon zahlreichen Zugängen so. „Ich musste ein bisschen warten“, sagt Cwielong, „aber da bin ich ganz Profi. Wenn ich in dieser Phase sauer oder beleidigt gewesen wäre, wäre ich nicht bereit gewesen, als meine Chance gekommen ist.“ Der Linksaußen gab also im Training Vollgas und war schließlich bereit.
Seit 13 Jahren ist Piotr Cwielong nun schon Fußballprofi. 2008 und 2009 wurde der 1,71 Meter große Kicker Polnischer Meister mit Wisla Krakau, 2012 gelang ihm gleiches mit Slask Wroclaw. „Das waren gute Momente“, meint er, „aber ich mag Deutschland.“ Soll heißen: Seine schönste Zeit hatte Cwielong bislang auf deutschem Boden.

Genauer gesagt in Liga zwei beim VfL Bochum. 41 Partien bestritt der Pole von 2013 bis 2016 für den VfL. Die Wege trennten sich im Sommer vergangenen Jahres einvernehmlich, weil Bochums Trainer Gertjan Verbeek ihm mitgeteilt hatte, ohne ihn zu planen. Cwielong spielte in der Hinrunde dieser Saison für den abstiegsgefährdeten Erstligisten Ruch Chorzow. Aufgrund finanzieller Probleme verließ er den Klub seiner Heimatstadt am Jahresende jedoch. „In Polen ist die Infrastruktur, die Organisation nicht so gut entwickelt wie hier in Deutschland“, erzählt er. „Ich habe viele gute Erinnerungen an den VfL Bochum – ein sehr familiärer Verein.“

Besonders beeindruckt war Piotr Cwielong von einem Mann: VfL-Trainer Peter Neururer. Der 62 Jahre alte Kult-Coach „ist ein sehr guter Trainer und menschlich einwandfrei“, sagt Cwielong und erinnert sich an „eine Situation, die ich nie vergessen werde“: Als seine Frau mit der gemeinsamen Tochter – heute drei Jahre alt, außerdem hat das Paar einen neun Jahre alten Sohn – schwanger war, gab es kleinere Komplikationen. Ein Termin im Krankenhaus musste vereinbart werden. „Da hatte ich ein bisschen Angst, dem Trainer zu sagen, dass ich beim Training fehlen werde“, erzählt Cwielong. Aber Neururer hätte nur geantwortet: „Piotr, wir trainieren 370 Mal im Jahr. Wenn du einmal fehlst, ist das nicht so schlimm. Die Familie ist das Wichtigste im Leben.“ Cwielong war erleichtert. „Da wusste ich“, sagt er, „was für ein super Mensch der Trainer ist.“ Erst in der vergangenen Woche hatten die ehemaligen Weggefährten wieder einmal Kontakt. „Er hat mir eine Nachricht zum Geburtstag geschrieben und ich habe ihm dann drei Tage später zu seinem Geburtstag auch gratuliert.“

An der Seite von Lewandowski, Blaszczykowski und Co.

Die Familie, das ist wirklich das Wichtigste im Leben von Piotr Cwielong. Momentan leben seine Frau und die zwei Kinder von ihm getrennt in Polen. „Mein Vertrag gilt ja erstmal nur bis zum Saisonende. Dann müssen wir sehen, was passiert. Die Familie für diese Zeit nach Deutschland zu holen, wäre zu stressig gewesen. Auch weil mein Sohn ja schon zur Schule geht“, erzählt der Familienvater. Und trotzdem sind seine Lieben gewissermaßen immer bei ihm, auf seinen Schienbeinschonern steht auf Polnisch geschrieben: „Meine Familie ist mein Leben.“ Denn: „Egal, was ich mache: Sie stehen immer hinter mir. Ihren Rückhalt zu spüren, macht alles einfacher.“

Ein Satz, der sich problemlos auf den Zuschauerzuspruch beim FCM übertragen lässt. Piotr Cwielong blickt auf die Tribüne und gerät ins Schwärmen. „Überragend“, sagt er. „So etwas habe ich noch nirgendwo erlebt.“ Er weiß, dass solche Sätze von vielen FCM-Profis fallen. Aber: „Wirklich“, bekräftigt Cwielong. „Das ist Wahnsinn! Unsere Fans unterstützen uns unglaublich. Du weißt, sie stehen hinter dir. Wenn sie dich kämpfen sehen und wissen, dass du dein Bestes gibst, respektieren sie das – egal ob du am Ende gewinnst oder verlierst.“
Eine ähnliche Atmosphäre, ein ähnliches Gefühl wie beim FCM habe er bislang nur einmal erlebt: Im November 2013 beim Freundschaftskick zwischen Polen und Irland. Sein erstes und einziges Länderspiel. 31.094 Zuschauer sahen damals ein torloses Remis im Stadion von Lech Posen. Cwielong lief an der Seite von Stars wie Robert Lewandowski (Cwielong: „Der beste Stürmer der Welt“) und Jakub Blaszczykowski („Er hat alles gewonnen, ein großer Spieler“) auf. Später, als mit Lewandowski, Lukasz Piszczek und Blaszczykowski gleich drei Polen im Kader von Borussia Dortmund standen und Cwielong unweit entfernt in Bochum kickte, „haben sie mir auch mal Tickets für ein BVB-Spiel besorgt, da hatten wir ab und zu mal Kontakt“, erzählt der 31-Jährige. „Sie sind alle sehr gute Charaktere.“

Klare Ansage von Cwielong: „Wir wollen aufsteigen“

Das sagt Piotr Cwielong auch über seine Mitspieler beim 1. FC Magdeburg. Besonders Marius Sowislo half ihm in den ersten Wochen. Der Kapitän des FCM hat selbst polnische Wurzeln. „Er versteht mich, wenn ich polnisch spreche“, sagt Cwielong, „aber er antwortet immer auf Deutsch – und das ist gut, so lerne ich.“ Was dem 31-Jährigen wichtig ist. Während seiner ersten Saison beim VfL Bochum erhielt Cwielong sogar Sprachunterricht. „Danach hat der Sportdirektor dann aber gesagt, ich kann auch im Gespräch mit den Teamkollegen in der Kabine weiterlernen.“ Gesagt, getan.

Inzwischen kann sich „Pepe“ – so lautet Cwielongs Spitzname, weil er als Kind fast schon süchtig nach einer gleichnamigen Chips-Sorte war – ohne Probleme verständigen. Auch was das Restpgrogramm des 1. FC Magdeburg betrifft. Denn das ist das Einzige, was gerade für ihn zählt. „Wie es für mich im Sommer weitergeht, ist unwichtig“, meint er. „Natürlich wollen wir aufsteigen. Wir geben unser Bestes und sehen, was am Ende dabei herausspringt. Das ist der Plan.“

Die Sonne scheint noch immer, als er sich verabschiedet. Piotr Cwielong wirft einen letzten Blick auf die noch leeren Tribünen und lächelt: „Ich habe richtig Lust auf das Spiel am Samstag.“ Und auf den Salto-Jubel.

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