Jens Härtel ist seit 2014 Trainer beim 1. FC Magdeburg. In dieser Zeit stieg der FCM in die 3. Liga auf und will jetzt in die 2. Bundesliga.

Von
Manuel Holscher

Magdeburg l Die Volksstimme sprach mit dem 48-Jährigen über Neuzugang Andreas Ludwig, den Aufstieg und seine Vertragsverlängerung.

Volksstimme: Mit 46 Punkten nach 20 Spielen überwintert der FCM auf dem ersten Tabellenplatz. Wie hoch ist der Druck, es in dieser Saison schaffen zu müssen?

Jens Härtel: Druck haben wir hier immer. Das war schon im vergangenen Jahr so, als wir am Ende nur knapp den Aufstieg verpasst haben. Daran sind wir aber auch ein Stückchen gewachsen. Jetzt stehen wir in der Tabelle vorne und wollen es schaffen. Wir haben uns ein kleines Polster erarbeitet, dürfen uns aber trotzdem nicht ausruhen. Auch wenn wir schwere Auswärtsspiele vor uns haben, müssen uns die Gegner aber erst mal schlagen.

Dürfen die Spieler mittlerweile vom Aufstieg reden?

Wir sind zweimal Vierter geworden, jetzt kann jeder sagen, dass er da oben bleiben und aufsteigen möchte. Anhand der Dinge, die bisher passiert sind, ist das ja auch nicht unrealistisch. Die Mannschaft steht dabei immer im Vordergrund. Es wird enge personelle Entscheidungen geben, jeder muss sich für die Gemeinschaft einbringen und das so akzeptieren. Bisher haben wir es gut hinbekommen. Das ist aber keine Garantie, dass es im Januar so weitergeht. Wir müssen gierig und hungrig bleiben.

Ärgern Sie sich nach fünf Siegen in Folge, dass es jetzt in die Winterpause geht?

Es hätte schon gerne weitergehen können. Wenn man einen Lauf hat, dann ist es schade, wenn dieser unterbrochen wird. Auf der anderen Seite hat man schon gesehen, dass die Jungs in den vergangenen Wochen und Monaten viel investiert haben. Deshalb müssen sie jetzt ordentlich regenerieren.

Wie oft denken Sie bei zehn Punkten Vorsprung auf den Dritten bereits an die 2. Bundesliga?

Nicht oft. Ich denke immer an den nächsten Gegner, der steht für unser Trainerteam im Vorfeld einer Partie im Vordergrund. Wir beschäftigen uns mit der Realität und das ist die 3. Liga. Diese ist anstrengend genug, jeder kann jeden schlagen.

Viel spricht in dieser Saison dafür, dass dem Club der große Wurf gelingt. Welche Gefahren sehen Sie, dass es nicht klappen könnte?

Die Mannschaft darf nicht selbstgefällig werden, sie darf nicht denken, dass es auch mit weniger Aufwand geht. Schlecht wäre auch, wenn jemand in der Winterpause nicht seine Hausaufgaben macht und in einem schlechten Zustand zum Trainingsstart kommt. Das wäre in drei Wochen Vorbereitung nicht aufzuholen und fahrlässig. Die Jungs müssen professionell bleiben. Wir müssen einen guten Start hinlegen und regelmäßig punkten. Dann wird es schwer, uns da oben wegzubekommen.

Was haben Sie aus der vergangenen Saison gelernt, als der FCM als Vierter knapp am Aufstieg vorbeischrammte?

Wenn wir in dieser Saison geführt haben, ist uns häufig auch ein Sieg gelungen. Das war in der vergangenen Saison noch anders, als wir immer wieder noch den Ausgleich oder eine Niederlage trotz einer Führung kassiert haben. Da gab es einen Lerneffekt, der aber auch keine Garantie für die Rückrunde ist.

Der FCM gewinnt in dieser Saison häufig die engen Spiele. Das war in der vergangenen Spielzeit anders. Was hat sich verändert?

Ein bisschen Glück wie im Derby gegen Halle gehört auch mal dazu. Unter dem Strich haben wir aber in der Vorrunde kaum Torchancen des Gegners zugelassen. Wir sind eine Mannschaft, die versucht, einen Vorsprung zu sichern und nicht mehr aus der Hand zu geben. Andere Teams gewinnen manchmal 4:0 oder 5:0, sind dafür aber auch anfälliger und offener. Wir haben gegen Lotte und Großaspach trotz einer deutlichen Führung nach der Pause jeweils darauf geachtet, defensiv weiter stabil zu stehen.

Sind Sie mit der spielerischen Entwicklung der Mannschaft zufrieden?

Eigentlich schon. Wir haben weiterhin ein paar Grundelemente, auf die wir setzen. Trotzdem verfügen wir über mehr Möglichkeiten als in der vergangenen Saison. In engen Räumen spielen wir uns Chancen heraus. Wir schlagen nicht nur lange Bälle oder sind durch Standards erfolgreich – auch aus dem Spiel heraus haben wir gute Gelegenheiten. Diesbezüglich haben wir uns weiterentwickelt.

Zu Beginn der Saison setzten Sie auf flache Pässe in einem 3-5-2-System. Mittlerweile agieren Sie im 3-4-3. Was spricht für diese Grundordnung?

Im 3-4-3 sind wir stabiler, gerade wenn es gilt, das Flügelspiel des Gegners zu unterbinden. Im 3-5-2 ist dort nur ein Spieler, und es läuft bei uns mehr über das Zentrum. Das haben wir aber zu Saisonbeginn nicht wie gewünscht durchdrücken können. Wir hatten zwar mehr Ballbesitzphasen, aber im Spiel gegen den Ball auch einige Wackeleinlagen. Trotzdem müssen wir flexibel bleiben, weil sich die Gegner auf uns einstellen. Deshalb stellen wir auch während der Partie manchmal taktisch um.

Wäre die momentane Spielweise auch eine Option für die 2. Bundesliga?

Die Frage ist, wie wir dann personell aufgestellt sind. Momentan passt der Mix aus flachen und hohen Pässen zu dem Kader, den wir haben. Unser Spiel auf den zweiten Ball ist immer unangenehm für den Gegner. Das wäre vielleicht auch in der 2. Bundesliga nicht ganz anders. Wenn wir bei dem bleiben, was uns stark macht, dann müssen uns Zweitligisten erst mal schlagen. Momentan brauchen wir darüber aber noch nicht so viel reden, weil wir uns jetzt auf die 3. Liga konzentrieren. Die ist schwierig genug. Wenn wir sie gemeistert haben, können wir uns über das Gedanken machen, was dann kommt.

Wie groß würde ein Umbruch bei einem Aufstieg ausfallen?

Das Gerüst steht, das Drumherum entwickelt sich je nachdem, welche Spieler nicht bleiben wollen oder wen wir verpflichten. Da fällt ein Blick in die Glaskugel schwer.

Viele Spieler-Verträge laufen aus. Bis wann herrscht Klarheit?

Wir sind auf einem guten Weg. In absehbarer Zeit werden Entscheidungen getroffen. Das liegt aber nicht nur auf meinem Tisch.

Auf Ihrem Tisch liegt der eigene Vertrag, der am Saisonende ausläuft. Wie sieht es mit einer Verlängerung aus?

Es gibt einen klaren Fahrplan. In der Winterpause werden wir die Zeit nutzen, um einige Dinge sacken zu lassen und dann im neuen Jahr frühzeitig Gespräche führen. Ich bin ein schlechter Verhandlungspartner, wenn wir wie in der Vorrunde so viel zu tun haben. Wir hatten zuletzt keine Zeit, um dieses Thema anzuschieben.

Was spricht denn gegen eine Verlängerung?

Im Normalfall spricht nichts dagegen. Es muss aber für beide Seiten passen.

Zuletzt hatten Sie einen Ein-Jahres-Vertrag. Können Sie sich vorstellen, langfristig zu verlängern?

Der letzte Vertrag war ein Signal, dass man sich nicht in Sicherheit wiegen und nicht nur seinen Vertrag absitzen will. Es geht auch anders. Die Frage ist, wie wichtig es allen beteiligten Personen ist.

Mit Andreas Ludwig konnte sich ein prominenter Neuzugang bisher noch nicht durchsetzen. Ist ein Abgang bereits im Winter denkbar?

Ich weiß nicht, wie ein Spieler plant. Wir hatten ein Gespräch, in dem klar wurde, dass er mit seiner Spielzeit unzufrieden ist. Das kann ich zu 100 Prozent verstehen. Er und wir hatten andere Vorstellungen. Andreas hat aber einen Vertrag bei uns, und wenn er nicht sagt, dass er wechseln will, dann steht er auch nicht zur Diskussion.

Warum konnte er sein Potenzial bisher nicht ausschöpfen?

Er braucht ein paar Mitspieler, die auf seine Spielidee eingehen. Das ist bei uns zum Großteil nicht der Fall. Er bräuchte mehr Mannschaftskollegen für das Kurzpassspiel, das er bevorzugt und sicher beherrscht. Unser Stil ist aber anders, und es gibt gerade auch keinen Grund, ihn zu ändern, weil er erfolgreich ist. Wir können es nicht für einen Einzelnen anpassen.

Ähnlich sieht es bei Gerrit Müller aus. Gibt es für ihn keine Position im System?

Es geht immer um die Mannschaft. Das ist manchmal ärgerlich für den einzelnen Spieler, passiert aber im Fußball immer mal wieder.

Auf welchen Positionen wollen Sie im Winter nachbessern?

Auf der rechten Seite, auf der Nils Butzen spielt, müssen wir uns Gedanken machen, weil Tarek Chahed, der dort spielen kann, wenn Nils ausfallen sollte, noch länger fehlen wird. Wir könnten Nico Hammann, Tobias Schwede oder Michel Niemeyer im Notfall rüberziehen, eine dauerhafte Lösung ist das aber nicht.

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