Volksstimme vom 17.09.2015
Autor: Alexander Dinger
Karten vom Fanrat

Magdeburg l Auch am Tag nach dem Heimsieg des 1. FC Magdeburg gegen den VfL Osnabrück ist der Stadionbesuch noch Thema in der Clearingstelle für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Die Kinder und Jugendlichen stehen zusammen und zeigen sich Fotos. „War ein tolles Erlebnis“, sagt Shiehad aus Syrien. Er spiele selbst nicht Fußball, aber die Stimmung im Stadion sei ein Erlebnis gewesen, sagt der 17-Jährige.

Ermöglicht hat dieses Erlebnis der Fanrat des 1. FC Magdeburg – ein Verein, der 2002 von FCM-Anhängern gegründet wurde. Regelmäßig macht der Fanrat mit ähnlichen Aktionen auf sich aufmerksam. So wurden etwa in der Vergangenheit auch schon Kindern aus Jugendheimen Stadionbesuche ermöglicht. Dieses Mal haben die Fans Flüchtlinge eingeladen – auch um ein Zeichen für Toleranz zu setzen. Begleitet wurden die Kinder und Jugendlichen im Stadion von Ultras aus dem Block U – den treuesten Fans des Fußballclubs – und von Sozialarbeitern der Clearingstelle.

Dass diese Begleitung auch notwendig war, zeigte sich im Stadion. Obwohl die Stimmung fröhlich war, der 1. FCM das Spiel gewann, raunte ein Stadionbesucher der Gruppe im Vorbeigehen zu: „Fußball ist für Deutsche.“ „Das ist aber nicht die Mehrheit der Fußballfans. Sport ist international. Leute, die so etwas sagen, haben im Stadion nichts zu suchen“, sagt einer der Ultras der Volksstimme – möchte aber nicht namentlich genannt werden.

„Wenn wir unterwegs sind, ziehen wir die Blicke auf uns“, sagt Barbara Schmidt, Leiterin der Clearingstelle in Sudenburg (siehe Infokasten). Aber auch sie sagt: „Viele Menschen sind sehr hilfsbereit.“ In der Clearingstelle gibt es 16 Plätze – für ganz Sachsen-Anhalt. Die Einrichtung ist voll belegt. „Unsere Plätze reichen nicht aus“, sagt Barbara Schmidt, die selbst seit 1995 in der Einrichtung arbeitet. Seit etwa Mitte 2014 würden die Zahlen in der Clearingstelle stark steigen. Die meisten Jugendlichen, die hier landen, kommen ohne Eltern oder Sorgeberechtigte aus Syrien und Afghanistan und bleiben so lang, bis die Vormundschaft geklärt ist und ein Asylverfahren eröffnet werden kann. Dann kommen die Jugendlichen in aller Regel in ein Heim zusammen mit deutschen Kindern. Eigentlich sollte dieser Prozess drei Monate dauern – derzeit sind es im Schnitt sechs Monate, weil die zuständigen Stellen überlastet sind.

So wartet etwa Shiehad seit Mai darauf, dass er endlich ins Asylverfahren kommt. Als syrischer Flüchtling ist die Chance, Asylberechtigung und die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft zu bekommen, sehr hoch. Weil der 17-Jährige minderjährig ist, bedeutet das für ihn, dass er seine Eltern, die noch in Syrien sind, leichter nachholen kann. „Ich habe seit einem Monat keinen Kontakt zu meinen Eltern gehabt. Ich weiß aktuell nicht mal, ob sie noch leben“, sagt er. Seine Eltern hätten ihn vorgeschickt, weil die Flucht für alle zu teuer war und er der älteste von drei Geschwistern ist. „Bei uns ist alles zerstört“, sagt er.

Es sind solche Schicksale, die jeder der aktuell 15 Bewohner der Clearingstelle erzählen kann. „Da ist jede Abwechslung wie der Stadionbesuch willkommen“, sagt Barbara Schmidt. Diese Woche steht für die Gruppe zum Beispiel noch auf Einladung der Grünen ein Besuch des Landtages an. Auch bei den Kleingärtnern waren sie schon. „Wir freuen uns über jede Unterstützung“, sagt Schmidt.

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