Am Sonnabend treffen im ewig jungen Duell der 1. FC Magdeburg und Dynamo Dresden aufeinander. Drei Protagonisten vom Club blicken zurück.

Von Daniel Hübner ›

Magdeburg l In normalen Zeiten lädt Wolfgang „Paule“ Seguin in seinen Partykeller in Stendal ein, reicht den Freunden ein kühles Blondes und schaut mit ihnen dem Auftritt des 1. FC Magdeburg zu. Sechs Fernsehgeräte zählt Seguin in seinen heimischen vier Wänden, so besteht für ihn kaum Gefahr, dass er eine Spielminute der Blau-Weißen verpassen könnte. In den schönsten 90 Minuten des Vereins stand er ja selbst auf dem Platz. Damals, beim Gewinn des Europapokals am 8. Mai 1974 in Rotterdam gegen den AC Mailand. Und die allerallerschönste Minute erlebte der heute 75-Jährige in der 74. Minute dieses Finals, als er mit seinem Tor den 2:0-Endstand markierte.

„Das waren die Spiele mit den meisten Zuschauern.“

Wolfgang Seguin

In diese Zeit gab es längst auch den Klassiker der DDR-Fußballgeschichte – heute „Elb-Clásico“ genannt. „Das waren die Spiele mit den meisten Zuschauern in der Oberliga“, erinnert sich Seguin mit einer großen Begeisterung in der Stimme an die Duelle zwischen seinem FCM und der SG Dynamo Dresden. „Sowohl bei Dresden als auch bei uns standen fünf Nationalspieler in der Mannschaft“, sagt Seguin. Beide Mannschaften haben das Meisterschaftsrennen mehr oder weniger unter sich ausgetragen in den 1970er Jahren. Fünfmal gewann Dresden, dreimal Magdeburg den Titel. Bilanz der 70er in diesem Duell aus FCM-Sicht: fünf Siege, vier Remis, elf Niederlagen.

1973 zu Hause 0:3 verloren

Selbst in der Europapokal- und der Meistersaison 1974 mussten sich Blau-Weißen den Sachsen einmal beugen. „Das war ein Ausrutscher“, sagt Seguin lachend über den 1. Dezember 1973, als die Magdeburger vor 20 000 Zuschauern im Ernst-Grube-Stadion mit 0:3 untergingen. Es muss ein Ausrutscher in Anbetracht der grandiosen Serie gewesen sein … Heute fehlen zwar die Zuschauer wegen der Corona-Pandemie. Aber ein Klassiker ist das Duell natürlich nach wie vor. An diesem Sonnabend heißt die Paarung also zum 70. Mal in einem Punktspiel: FCM gegen Dynamo Dresden. Das Stadion heißt inzwischen MDCC-Arena. Der Anpfiff erfolgt um 14 Uhr.

Während es zu Seguins Zeiten noch um die Meisterschaft ging, geht es für den FCM nun um den Klassenerhalt und für Dynamo um den Aufstieg in die zweite Liga – der Tabellen-18. trifft auf den Spitzenreiter. Und wenn das Herz für Blau-Weiß so sehr schlägt wie jenes von Wolfgang Seguin, sagt Wolfgang Seguin, dann „tut es sehr weh“ in Anbetracht der aktuellen Situation. Und aufgrund dieser sagt er: „Ich hoffe auf einen knappen Sieg für uns, aber ich kann mir schwervorstellen, dass die Mannschaft das Spiel ziehen wird. Da muss wirklich alles zusammenpassen.“

„Abstieg wäre das Schlimmste, was dem Verein passieren könnte.“

Rolf Döbbelin

In Stendal, sagt Seguin, wird er oft auf die aktuelle Situation des FCM angesprochen und erhält dabei zugleich „ein Kopfschütteln“. Den Kopf geschüttelt hat Rolf Döbbelin womöglich auch des Öfteren in jüngster Vergangenheit in seinem Wohnort Lostau. Der 66-Jährige war einer der FCM-Protagonisten der 1980er Jahre, er erlebte seine persönlich schönste Stunde am 28. September 1983, als er im Europapokal der Pokalsieger beim FC Barcelona den bundesdeutschen Nationalspieler Bernd Schuster aus dem Spiel genommen hat, als Döbbelin längst „vom Verteidger zum defensiven Mittelfeldspieler umfunktioniert worden war“, erinnert er sich. Der FCM verlor mit 0:2 und schied nach dem 1:5 im Hinspiel natürlich aus. Trotzdem bleibt dieses internationale Duell unvergesslich für Döbbelin.

Döbbelin blutet das Herz

Anders ist es bei den Oberliga-Duellen mit Dynamo Dresden. 20-mal trafen beide Teams in den 80ern aufeinander. Bilanz aus FCM-Sicht: drei Siege, sechs Remis, elf Niederlagen. Lange durfte nur der BFC Dynamo in dieser Dekade Meister werden – bis zur Saison 1988/89, als Dresden seinen siebten Titel gewann. „Siege gegen Dresden standen nie auf der Tagesordnung“, sagt Döbbelin.

Auch heute nicht. Oder: Heute erst recht nicht. „Mir blutet das Herz“, erklärt er mit Blick auf die aktuelle Misere der Blau-Weißen. „Ein Abstieg wäre das Schlimmste, was dem Verein passieren könnte. Denn so schnell kommt man aus der Regionalliga nicht mehr nach oben, dort würde es nicht leichter für uns werden.“ Deshalb tippt er für Sonnabend ein „2:1 für uns, ich drücke der Mannschaft die Daumen“.

Triumph gegen großen FC Bayern

Das machen im Grunde alle Magdeburger, weil alle Magdeburger irgendwie auch Fans des FCM sind, sagt Dirk Hannemann. Der 50-Jährige gehört zu den Helden des DFB-Pokalspiels am 1. November 2000 gegen die Bayern aus München, als er den letzten der acht Elfmeter zum 5:3 (0:0, 1:1)-Endstand nach dem Glücksspiel vom Punkt versenkte. Im Ligabetrieb spielten die Blau-Weißen in der Oberliga Süd. Auch gegen Dynamo Dresden. Eine Saison zuvor, noch in der Regionalliga Nordost und am 1. Oktober 1999, hatte der Klassiker sein Comeback nach mehr als acht Jahren der Abstinenz gefeiert. Mit einem 1:2 im Ernst-Grube-Stadion. „Gegen Dresden war es immer ein besonderes Spiel“, sagt er. Viermal trafen beide Teams in der Hannemann-Ära beim FCM (1998 bis 2002) aufeinander, zweimal gewann Magdeburg, zweimal Dynamo.

In 3. Liga alles eng beisammen

Hannemann blickt voraus: „Durch Corona gibt es keinen Heimvorteil mehr.“ Was dem FCM immer den zusätzlichen Schub und seinem Gegner immer den zusätzlichen Respekt eingeflößt hat, wird von der Pandemie verschluckt. Das Spiel könnte auch irgendwo zwischen Wismar und Zittau ausgetragen werden. Auch dort würde sich allerdings nichts an der Bedeutung ändern: „Es ist eine schwierige Situation für den FCM, in der dritten Liga ist alles eng beisammen, jeder kann jeden schlagen. Und auch Dresden ist schlagbar.“ Das hat nicht zuletzt die 0:1-Niederlage Dynamos bei Waldhof Mannheim am 26. Januar gezeigt.

„Durch Corona gibt es keinen Heimvorteil mehr.“

Dirk Hannemann

Hannemann sieht die Situation so: „Oft hat der Mannschaft auch das Glück gefehlt, jeder Fehler ist hart bestraft worden. Die Spielweise ist momentan völlig egal, es geht nur darum, Punkte zu holen.“ Aber auch er würde sich wünschen, dass der FCM mal auf Sieg spielt, dass er zur Durchschlagskraft in der Offensive findet.

Jetzt heißt es: Sinne schärfen

Über einen möglichen Abstieg denkt Hannemann derzeit auch nicht nach: „Jetzt heißt es: Sinne schärfen, mit Selbstvertrauen die Aufgaben angehen und von Spiel zu Spiel denken. Es sind noch jede Menge Partien bis zum Saisonende.“ Es ist allerdings das letzte gegen Dresden. Das Hinspiel hat der FCM am 10. Oktober verloren. Weder Wolfgang Seguin noch Rolf Döbbelin oder Dirk Hannemann werden es verpassen.

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Eine Antwort zu “Duell der Rivalen FCM und Dynamo Dresden”

  1. Hans-Peter sagt:

    Vielleicht liegt das Problem ja darin, dass die drei Recken noch immer hier zu hause sind. Die heutigen Legionäre nur berufsbedingt. Traditionsverein FCM sollte mehr als nur für Zuschauer gelten. Lieber 4. Liga mit Spielern von hier und ohne Wettsponsoren.

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