Reiner Calmund hat die Bundesliga viele Jahre geprägt. Er spricht über Transfers, verpasste Titel und den Aufstieg des 1. FC Magdeburg.

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Herr Calmund, der 1. FC Magdeburg ist erstmals in die 2. Bundesliga aufgestiegen. Welche Bedeutung hat dieser Erfolg aus Ihrer Sicht?

Der FCM ist natürlich durch den Sieg im Europapokal der Pokalsieger 1974 sehr bekannt. Dass der Club jetzt zum ersten Mal in der 2. Bundesliga spielt, ist ein großer Schritt. Alleine durch das Fernsehgeld kommen rund 7 Millionen Euro in die Kasse. Jetzt muss der Verein aber dafür sorgen, dass weitere Einnahmequellen erschlossen werden. Beispielsweise müssen die VIP-Plätze ausgebaut und auf ein gutes Niveau gebracht werden.

Was erwartet den FCM in der 2. Bundesliga?

Reiner Calmund: Der Club hat eine sehr gute Saison gespielt, das Team war offensiv, hat viele Tore geschossen. Der FCM ist ein guter Aufsteiger aus einer guten Region. Der erste Schritt wäre, den Klassenerhalt hier wie die deutsche Meisterschaft zu feiern, um die Erwartungen nicht zu hoch zu schrauben. Wenn am Ende noch mehr drin ist, wäre das umso besser.

Sie wurden auch dadurch berühmt, dass Sie 1989 für Bayer Leverkusen Deals mit mehreren DDR-Stars wie Ulf Kirsten und Andreas Thom abschlossen. Was hatten Sie anderen Bundesligisten voraus?

Wir waren schneller, cleverer, hatten das bessere Konzept und die notwendigen Strukturen. Ich habe meinen damaligen A-Jugend-Betreuer Wolfgang Karnath beim WM-Qualifikationsspiel der DDR in Österreich am 15. November 1989 kurz nach dem Mauerfall als „Fotograf“ akkreditieren lassen. Er war in der Branche unbekannt, hatte einen Foto-Koffer in der Hand und saß im Verlauf der zweiten Halbzeit dann auch schon auf der Spielerbank der DDR. Dadurch kam ich an die Adressen vieler Spieler und saß am nächsten Tag bereits im Flieger.

Wie lief der Kontakt mit den Spielern?

Wir haben das alles sehr fair und sauber gemacht. Ich bin zu Andreas Thom nach Berlin gefahren und habe ihn gefragt, ob er sich einen Wechsel vorstellen kann. Ich habe mich dann gleich beim Verband gemeldet. Eigentlich wollte ich ein Fax schicken, das gab es dort aber nicht. Deshalb habe ich meiner Sekretärin gesagt, dass sie den alten Fernschreiber rausholen soll. Das Originalschreiben habe ich stempeln lassen, bin damit zu Thom, habe ihm gesagt, dass wir das Schriftstück abgegeben haben und der Verband mit dem Wechsel einverstanden war.

Dieser war zwar noch gar nicht einverstanden, Thom hatte aber die Sicherheit, die er brauchte, weil er damals sehr ängstlich war. In diesem Fall habe ich die Wahrheit ein bisschen gedehnt. Bei Ulf Kirsten regierte ja schon der „freie Markt“. Wir setzten uns gegen die Konkurrenz aus Bochum, Dortmund und einigen Italienern durch.

Auch Matthias Sammer stand vor einem Wechsel nach Leverkusen? Warum hat es am Ende nicht geklappt?

Eigentlich hatte Sammer schon bei uns unterschrieben. Bundeskanzler Helmut Kohl schaltete sich dann aber bei der Führung der Bayer AG ein. Es sei nicht gut, wenn ein Club die drei besten Spieler der DDR hole. Wir ließen Sammer deshalb gehen, was ich bis heute sehr bedauere. Ich bin mir sicher, dass wir mit ihm den einen oder anderen Titel geholt hätten.

Wie reagieren Sie auf Kritiker, die Ihnen damals vorwarfen, den Osten „leerzukaufen“?

Ach, das waren meist Sprüche von Wichtigtuern, die vor allen Dingen sauer darauf waren, dass sie nicht am Wechsel partizipierten. Viele hatten nach dem Fall der Mauer noch Staub im Kopf. Wie kann man denn sagen, dass alle frei sind, Spieler aber nicht in den Westen wechseln dürfen? Keiner der damals wirklich Beteiligten wird etwas Negatives über einen der Transfers sagen können.

Außerdem haben zum Beispiel nach unserem Weltmeister-Titel 1990 fast alle Nationalspieler die Bundesliga Richtung Italien verlassen – und das nicht nur wegen der leckeren Spaghetti. Beides waren normale Vorgänge im Fußballgeschäft.

Sie haben den Brasilianer Emerson für fünf Millionen Mark verpflichtet und für 40 Millionen Mark später an den AS Rom abgegeben. War das Ihr Meisterstück?

Der Transfer von Emerson war sicherlich der lukrativste. Die 40 Millionen Euro waren damals Rekord, eine Summe, die heutzutage ganz normal erscheint.

Welcher Transfer war Ihr wichtigster?

Das war Ulf Kirsten. Er war Bundesliga-Torschützenkönig des Jahrzehnts und ein echter Führungsspieler. Mit seinen Toren und seiner Mentalität hat er die Mannschaft über viele Jahr ganz entscheidend geprägt.

In der Saison 2001/02 spielte Leverkusen sensationellen Fußball, holte aber keinen Titel. Wie sehr hat es Sie getroffen, dass es am Ende nicht gereicht hat?

Das hat mich sehr getroffen und trifft mich heute immer noch. Ich habe damals aber trotzdem gesagt, dass ich mit meinem eigenen Blut einen Vertrag unterschreiben würde, wenn Bayer Leverkusen in den Jahren nach 2002 immer Zweiter werden würde. Besonders bitter war die Niederlage im Champions-League-Finale gegen Real Madrid (1:2). Wir waren eigentlich besser. Als in der 68. Minute auch noch Reals Torhüter Cesar Sanchez verletzt raus musste, hatte ich mir schon die Hände gerieben. Allerdings wurde ein gewisser Iker Casillas eingewechselt, der Real den Sieg mit Weltklasse-Paraden sicherte und gegen uns seine große Karriere startete.

Der FC Bayern München ist zum sechsten Mal in Folge deutscher Meister geworden. Sind die Bayern zu gut oder die Konkurrenz zu schlecht?

Der FC Bayern ist zu gut. Die Mannschaft gehört zu den wenigen Clubs in Europa, die immer um den Champions-League-Titel mitspielen. Sie haben das InSoring, ein Partnerschaftsmodell aus Investment und Sponsoring, mit großen Firmen perfekt umgesetzt. Der FC Bayern hat nicht nur Weltmeister in kurzen Hosen auf dem Platz, sondern auch Weltmeister in langen Hosen im Management.

Wie könnte man den Wettbewerb in der Bundesliga wieder spannender machen?

Die Bundesliga boomt mit einem Zuschauerschnitt von mehr als 40 000 und hohen TV-Einschaltquoten. Ich erwarte aber von den Vereinen, die international spielen, dass sie diese Wettbewerbe ernster nehmen, mindestens überwintern und ihre Spieler beispielsweise in der Europa League nicht schonen. Es ist doch absurd. In der Woche schonen die Clubs ihre Spieler auf europäischer Ebene für die Bundesligapartie am Wochenende, und versuchen dort dann aber, sich für den internationalen Wettbewerb zu qualifizieren.

Mit Fußball werden Milliarden umgesetzt. Ist die Seele des Fußballs in Gefahr?

Wenn Paris 222 Millionen Euro für Neymar zahlt, ist das an sich nicht schlecht für den Fußball, weil viele Vereine von der Ablösesumme profitieren. Es geht aber um Wettbewerbsverzerrung. Die UEFA muss das Financial Fairplay konsequenter als bisher verfolgen und Vereine bestrafen, die sich nicht daran halten.

Wo und wie verfolgen Sie die anstehende WM in Russland?

Ich werde anfangs vor Ort sein und nach der Gruppenphase auf Kreuzfahrt gehen und dort mit den Passagieren die WM-Spiele schauen. Das ist bereits eine schöne Tradition.

Deutschland hat das Testspiel in Österreich mit 1:2 verloren. Wie hoch sind die Chancen auf die Titelverteidigung?

Die Chancen sind gut. Das Team braucht aber auch Glück, darf nicht zu viele Verletzte haben und die Form muss im Verlauf des Turniers stimmen.

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